Wer heute einen Neubau betritt, merkt sofort: Die Fenster sind größer geworden. Viel größer. Eigentlich sind es gar keine Fenster mehr, sondern ganze Glaswände. Sie reichen vom Boden bis zur Decke, lassen massig Licht herein und vermitteln das Gefühl, man lebe irgendwo zwischen Designkatalog und skandinavischem Ferienhaus. Zumindest theoretisch.
Denn kaum ist das Haus bezogen, beginnt ein zweiter, ebenso konsequenter Bauprozess: das systematische Verschließen dieser Glasflächen. Dabei sind neben Vorhängen und Rollos inzwischen die Plissees das It-Piece unserer Tage. Und so verwandelt sich die transparente Architektur wieder in das, was sie eigentlich immer war – eine Wand.
Wer will offene Sichtachsen?
Es ist ein faszinierendes Ritual moderner Wohnkultur. Man baut sich Fenster ein, durch die theoretisch ein mittelgroßer Elch ins Wohnzimmer laufen könnte, und verbringt anschließend erstaunlich viel Energie damit, sie komplett blickdicht zu machen. Der Grund dafür heißt meistens: Nachbar.
Denn heutige Neubaugebiete folgen einer sehr speziellen Logik. Die Häuser haben große Fenster, aber sie stehen gleichzeitig so nah beieinander, dass man vom Frühstückstisch aus problemlos beobachten kann, welche Marmelade im Haus gegenüber bevorzugt wird. Der Architekt spricht dann gern von „offenen Sichtachsen“. Der Bewohner nennt es eher „gegenseitige Einsichtnahme“.
Warum keine kleineren Fenster?
Das Ergebnis ist vorhersehbar. Und die Plissees spielen in diesem System eine zentrale Rolle. Sie sind die diplomatische Lösung der Transparenzkrise. Anders als Vorhänge wirken sie modern, leicht, fast minimalistisch – obwohl ihre Hauptfunktion darin besteht, das Fenster möglichst effizient zu verdecken.
Besonders gefragt sind die Modelle, die sich von oben und unten verschieben lassen. So kann man den unteren Teil des Fensters schließen, während oben noch Licht hereinkommt. Das hätte man viel preiswerter auch mit einem kleineren Fenster erreichen können, aber die sind eben nicht angesagt. Sagen die Architekten.
Lösung für viel Geld
Architekturhistorisch ist das eine interessante Entwicklung. Denn früher baute man kleine Fenster in die Häuser ein und ließ sie offen. Heute baut man riesige Fenster und deckt sie wieder zu. Der Fortschritt besteht also darin, dass wir nun sehr große Dinge für viel Geld einbauen, um sie dann für viel Geld wieder zu verdecken.
Natürlich gibt es überzeugende Argumente für bodentiefe Fenster. Sie bringen Licht, lassen Räume größer wirken und schaffen eine Verbindung zum Außen. Wenn man tatsächlich auf eine Wiese, einen Park oder wenigstens ein halbwegs diskretes Stück Landschaft blickt, kann das wunderbar sein. Im Neubaugebiet allerdings blickt man meist auf – Überraschung – ein anderes bodentiefes Fenster.
Transparenz ist unerwünscht
So entsteht eine Art architektonisches Pingpongspiel der Blicke. Zwei Wohnzimmer schauen sich an, beide mit großzügiger Verglasung, beide mit leicht nervösen Bewohnern dahinter, die dann gemeinhin sofort beschließen, vorsichtshalber doch das Plissee herunterzulassen. Es ist ein bisschen wie ein gesellschaftliches Experiment: Wie viel Transparenz verträgt der Mensch wirklich? Die Antwort scheint zu sein: nicht viel.
Und daher verschwindet all die transparente Architektur unserer Tage wieder hinter dem Sichtschutz gegen die Außenwelt und wir haben erneut das, was die Menschen hierzulande immer haben wollten: ein ganz normales, schön abgeschlossenes Wohnzimmer. Nur mit sehr großen verhängten Fenstern.
Zur kolumne
In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.