Es gibt diese Momente im Leben, in denen man vor der eigenen Wohnzimmerwand steht, die Hände in die Hüften stemmt und denkt: Irgendwas stimmt hier nicht. Vielleicht ist es das Sofa, das aussieht, als hätte es schon bessere Jahrzehnte gesehen. Vielleicht die Lampe, die mehr wie Verhörraum als Wohlfühloase wirkt. Oder vielleicht ist es einfach die leise Ahnung, dass „zusammengewürfelt“ kein Einrichtungsstil ist, sondern eine Kapitulation.
Und genau hier betreten sie die Bühne: Innenarchitekten und Einrichtungsberater. Menschen, die mit ernster Miene Dinge sagen wie „Wir müssen den Raum atmen lassen“ oder „Das Farbkonzept braucht mehr Mut zur Zurückhaltung“. Sätze, die gleichzeitig tiefgründig und völlig unverständlich sind – ein bisschen wie moderne Kunst, nur mit Kissen.
Wollen und können
Die zentrale Frage bleibt: Braucht man diese Menschen wirklich, um schöner zu wohnen? Oder reicht es nicht, ein paar Stunden durch Möbelhäuser zu irren, sich von skandinavischen Fantasien inspirieren zu lassen und am Ende doch wieder den bewährten Kompromiss zwischen Preis und Verzweiflung zu kaufen?
Die Verfechter professioneller Hilfe argumentieren, dass Innenarchitekten mehr können, als nur hübsche Sofas auszuwählen. Sie sehen Räume, wo andere Wände sehen. Sie verstehen Licht, Proportionen und – besonders wichtig – Steckdosen. Denn nichts entlarvt die amateurhafte Einrichtung schneller als ein Verlängerungskabel, das sich quer durch den Raum windet wie ein verzweifelter Aal.
Bemerkenswerte Fähigkeit
Tatsächlich haben diese Profis eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie können aus einem durchschnittlichen Raum etwas machen, das aussieht wie aus einem Magazin – oder zumindest wie die Seite 37, die man beim Durchblättern kurz bewundert, bevor man sich wieder den Kleinanzeigen zuwendet. Sie kombinieren Farben, als hätten sie nie etwas anderes getan, und schaffen es, dass selbst ein Beistelltisch plötzlich „kuratierte Eleganz“ ausstrahlt.
Auf der anderen Seite steht jedoch die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Muss man wirklich jemanden bezahlen, der einem sagt, dass drei verschiedene Holzarten im selben Raum vielleicht keine brillante Idee sind? Ist es nicht auch ein Teil des Wohnens, sich selbst zu irren, Dinge auszuprobieren und irgendwann festzustellen, dass der knallrote Teppich eine Phase war – eine kurze, aber intensive?
Gewisse Raffinesse
Denn seien wir ehrlich: Wohnungen sind keine Ausstellungsräume. Sie sind Lebensräume. Hier wird gegessen, gestritten, gelacht und gelegentlich versucht, eine Zimmerpflanze am Leben zu halten. Perfektion kann da schnell steril wirken, wie ein Hotelzimmer, in dem man sich zwar wohlfühlt, aber nie ganz zu Hause ist.
Vielleicht liegt die Wahrheit – wie so oft – irgendwo dazwischen. Innenarchitekten sind keine Notwendigkeit, aber eine Option. Eine Art Luxus, vergleichbar mit dem Unterschied zwischen selbstgekochtem Essen und einem Menü im Restaurant: Beides kann satt machen, aber das eine kommt mit einer Raffinesse daher, die man selbst nicht immer hinbekommt.
Entscheidende Frage
Am Ende bleibt die entscheidende Frage nicht, ob man Innenarchitekten braucht, sondern ob man sie sich leisten möchte (und kann natürlich). Ob man bereit ist, die eigene Wohnung ein Stück weit aus der Hand zu geben – im Vertrauen darauf, dass jemand anderes weiß, wie man Einrichtung und Farben und Lichtwirkung so kombiniert, dass es wirklich wohnlich ist.
Und falls nicht? Dann bleibt immer noch der gute alte Weg: ausprobieren, umstellen, fluchen – und irgendwann stolz auf ein Zuhause blicken, das vielleicht nicht perfekt ist, aber dafür eindeutig eines: das eigene.
Zur kolumne
In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.