Funktion vs. Phantasie Deutscher Reihenhausgarten vs. holländischer Reihenhausgarten

Ein Haus steht in einem sehr bunten Garten mit vielen Stauden, Hecken und Dekogegenständen.
Rasen ist hier Fehlanzeige. Im deutschen Reihenhausgarten nahezu undenkbar, in Holland fast Standard. © picture alliance/dpa/BLV
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Der Reihenhausgarten ist eine erstaunlich präzise kulturelle Messgröße. Wer verstehen möchte, wie ein Land tickt, sollte sich die Gärten angucken, denn da entfaltet sich das nationale Selbstverständnis in seiner reinsten Form.

Der deutsche Reihenhausgarten beginnt meist mit einer klaren Botschaft: Ordnung. Direkt hinter der Terrassentür liegt ein akkurat geschnittener Rasen, der so gleichmäßig wirkt, als hätte ihn jemand mit einem Lineal ausgerollt. Wahrscheinlich stimmt das sogar, denn der Rollrasen ist das Fundament vieler deutscher Gartenbiografien.

Immergrüne Hecke

Am Rand steht dann eine immergrüne Hecke. Schön pflegeleicht. Sie erfüllt außerdem eine wichtige Aufgabe – sie trennt. Nicht aggressiv, nicht feindlich, aber doch sehr eindeutig. Hinter dieser Hecke beginnt das Territorium des Nachbarn, und damit ein Raum, in den man besser nicht zu genau schaut. Der deutsche Reihenhausgarten ist halt ein Ort mit klaren Grenzen. Noch pflegeleichter natürlich mit Metallzaun samt Plastik-Streifen als Sichtschutz. Das hält ewig.

Dazwischen stehen ein paar sorgfältig ausgewählte Pflanzen, oft Lavendel, vielleicht ein Rosenstämmchen, gelegentlich ein Beet mit Rindenmulch, der signalisiert: Hier passiert etwas Gärtnerisches, aber bitte übersichtlich. Und irgendwo fährt ein Mähroboter seine Bahnen. Ruhig, konzentriert, pflichtbewusst. Er wirkt ein bisschen wie der ideale Bewohner dieses Gartens: fleißig, zuverlässig und immer in der Spur.

Rollrasen vs. Staudenbeet

Fahren wir ein paar Kilometer über die Grenze in die Niederlande, in eine ebenfalls ganz gewöhnliche Reihenhaussiedlung, sehen die Häuser vielleicht noch ähnlich aus, die Grundstücke sind ähnlich groß – aber der Garten erzählt eine völlig andere Geschichte.

Der holländische Reihenhausgarten beginnt nicht mit Rasen, sondern mit Gestaltung. Statt einer grünen Fläche gibt es Wege, kleine Terrassen, Holzdecks, Miniteiche. Pflanzen stehen dicht beieinander, wachsen ineinander, überlappen sich. Man hat sofort den Eindruck: Hier wurde nicht zuerst Rasen ausgerollt, sondern wild gepflanzt.

Auch die Grenze zum Nachbarn wirkt anders. Natürlich gibt es Zäune oder Hecken, aber sie sind oft niedriger, luftiger, manchmal sogar dekorativ. Man hat nicht das Gefühl, dass hier jemand dringend unsichtbar sein möchte.

Ein Mähroboter fährt über eine Rasenfläche in einem Hausgarten.
Der Mähroboter ist inzwischen zum Synonym für deutsche Garten(un)kultur geworden.© picture alliance/dpa/dpa-tmn

Kontrolle vs. Komposition

Der holländische Garten ist weniger eine abgetrennte Burg als eine kleine Bühne, spielt mit Ebenen, Farben und Materialien. Dort steht ein Feigenbaum in einem großen Topf, daneben eine kleine Bank, dahinter ein Beet voller Stauden, die aussehen, als hätten sie sich selbst organisiert. Natürlich ist auch das geplant, aber die Planung ist unsichtbar.

Ein holländischer Reihenhausgarten ist eine Landschaft in Miniatur. Der deutsche Reihenhausgarten ist ein Projekt, ein sehr kontrolliertes Projekt, in dem man sitzt, mäht, grillt. Der holländische ist eine Komposition.

Funktion vs. Experiment

Natürlich gibt es Ausnahmen auf beiden Seiten der Grenze. Auch in Deutschland entstehen immer mehr mutige, lebendige, spannende Gärten. Und auch in den Niederlanden gibt es Menschen, die einfach nur Rasen möchten.

Aber im Durchschnitt bleibt der Unterschied erstaunlich stabil. Hier der Rasen als Mittelpunkt, dort die Pflanze als Hauptdarstellerin. Vielleicht liegt das an einer unterschiedlichen Vorstellung davon, was ein Garten eigentlich ist. In Deutschland soll er ruhig sein, abgeschieden, begrenzt, übersichtlich, pflegeleicht. In den Niederlanden darf er experimentell sein.

Oder, um es zugespitzter zu formulieren: Der deutsche Reihenhausgarten soll funktionieren (samt Mähroboter und Kiesflächen), der holländische möchte interessant sein, verspielt und offen. Rollrasen? Wofür?

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Zur kolumne

In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.

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