Garten-Avantgarde und Zeitgeist-Trends Zwischen Mähroboter, Wildblumen und Lounge-Garnitur

Ein Garten wird per App-Steuerung bewässert.
Smarte Bewässerungsanlagen lassen sich mit einer App auf dem Smartphone steuern. Der moderne Garten ist weit weg von früherer Einfachheit. © picture alliance/dpa
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Der deutsche Garten war lange eine ziemlich überschaubare Angelegenheit. Man wusste, woran man war: ein akkurat gemähter Rasen, ein paar Geranien, vielleicht ein Kirschbaum, der zuverlässig jedes zweite Jahr zu viele Früchte produziert. Der Garten war ein Ort der Ordnung. Der Mensch zähmte die Natur – und zwar mit einer Heckenschere.

Heute hingegen ist der Garten ein Lifestyle-Projekt. Ein Gesamtkunstwerk. Eine Mischung aus Wellnessbereich, Outdoor-Küche, Biodiversitätslabor und gelegentlich auch noch ein Ort, an dem tatsächlich etwas wächst. Wer sich durch aktuelle Gartentrends arbeitet, stellt fest: Der deutsche Garten ist nicht mehr nur Garten. Er ist eine Idee. Und wie so oft bei Ideen liegt das Absurde manchmal nur einen Schritt entfernt.

Outdoor-Living

Der erste große Trend heißt Outdoor Living. Das bedeutet im Grunde: Das Wohnzimmer zieht nach draußen. Statt Plastikstühlen gibt es wetterfeste Sofas, Outdoor-Teppiche, Designerliegen, Feuerstellen und ganze Außenküchen mit Kühlschrank, Spüle und Grill. Der Garten wird damit zur Sommerwohnung mit Rasenanschluss.

Das hat etwas Rührendes. Man baut sich für viel Geld ein möglichst großes Dach über dem Kopf, um dann draußen ein Wohnzimmer anzulegen. Vielleicht ist das der Kreis der deutschen Wohnkultur: Erst das Haus, dann die Terrasse, am Ende wieder das Zelt, aber bitte in der Glamping-Ausführung mit allem Schnickschnack.

Smart Gardening

Noch besser wird es beim Smart Gardening. Der moderne Gartenfreund besitzt inzwischen Technik, für die ein Landwirt vor 100 Jahren wahrscheinlich einen staatlichen Zuschuss bekommen hätte: Mähroboter, automatische Bewässerungssysteme, Bodensensoren und Apps, die melden, wenn eine Tomate Durst hat.

Die ursprüngliche Idee des Gartens – ein bisschen Arbeit an der frischen Luft – wird damit elegant ausgelagert. Der Mensch sitzt im Liegestuhl und beobachtet, wie Maschinen per Fernsteuerung seinen Garten pflegen. Es ist gewissermaßen der autonom fahrende Vorgarten.

Geplant wilder Naturgarten

Parallel dazu gibt es einen Trend, der in die entgegengesetzte Richtung läuft: der wilde Naturgarten. Der perfekte Rasen gilt manchem Menschen als verdächtig steril. Stattdessen soll alles möglichst natürlich aussehen – mit Wildblumen, Insekten und kontrollierter Verwilderung.

Das führt zu einer interessanten Situation: Man kauft Saatgut, um Unordnung zu erzeugen. Der Garten soll aussehen, als hätte man sich nicht gekümmert – allerdings mit professioneller und akribischer Planung.

Kontrollierte Einfachheit

Der moderne Garten soll irgendwie gleichzeitig alles sein: Hightech-Versuchsanordnung und pure Naturidylle, biologische Selbstversorgerfarm und trendige Loungebar, profundes Biodiversitätsprojekt und überzeugende Instagramkulisse.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der neuen Gartentrends: Während wir versuchen, der Natur wieder näherzukommen, gestalten wir sie immer komplizierter. Der Garten wird zur Bühne unserer Sehnsucht nach Einfachheit – aber bitte in Vollausstattung mit Wlan, sensorgesteuerten Sonnensegeln und Designerfeuerschale.

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Zur kolumne

In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.

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