Beziehungen helfen ? Ein Immo-Portal versteht die Welt nicht mehr

Demonstranten protestieren auf einer Mietendemo mit einem Transparent mit der Aufschrift „Wohnungen sind für Menschen nicht für Eure Rendite“ gegen Leerstand und Luxus-Sanierungen von Wohnungen.
Geht es ImmoScout um mehr Transparenz im Wohnungsmarkt oder nicht doch eher um eine Umverteilung der Renditen? © picture alliance/dpa
Lesezeit

Das hört sich nach einer bahnbrechenden Erkenntnis eines bekannten Immo-Portals an: Beziehungen helfen im Leben. Man reibt sich verwundert die Augen, legt die Zeitung kurz beiseite und fragt sich: Wirklich? Vitamin B – also Bekanntschaft – verschafft Vorteile? Wer hätte das gedacht.

Jahrzehntelang hielten wir uns offenbar kollektiv an die Vorstellung, Wohnungen würden streng nach dem Prinzip „Wer zuerst anruft oder klickt, mahlt zuerst“ vergeben, ganz im Sinne einer komplett egalitären Gesellschaft. Und nun kommt dieses Immo-Portal mit der Botschaft: Menschen kennen andere Menschen – und das wirkt sich aus. Hammer.

Revolutionäre Einsicht

Diese für die Verantwortlichen besagter Firma offenbar revolutionäre Einsicht in den Wohnungsmarkt kommt über uns mit der Wucht eines sanften Nieselregens. Man stelle sich vor: Ein Teil der zur Vermietung oder zum Kauf vorgesehenen Wohnungen wird gar nicht öffentlich angeboten, sondern diskret weitergereicht, von Hand zu Hand, von Chat zu Chat, von „Ich kenne da jemanden“ zu „Meld dich mal bei ihr“.

Für die einen ist das anscheinend eine komplett unerwartete Katastrophe, für die anderen schlicht Alltag. Denn wer die richtigen Kontakte hat, erfährt eben früher von freien Wohnungen. Und wer nicht – nun ja, der darf weiterhin die Inserate aktualisieren und dabei seine Reflexe trainieren.

Gespielte Empörung

Besonders charmant ist dabei die Empörung, mit der diese Praxis nun kommentiert wird. Der Zugang zu Wohnraum dürfe nicht davon abhängen, wen man kennt, heißt es. Das ist ein bemerkenswerter Satz, weil er eine Welt beschreibt, die es so vermutlich nie gegeben hat. Man könnte ihn problemlos erweitern: Der Zugang zu Jobs sollte nicht davon abhängen, wen man kennt. Der Zugang zu Informationen sollte nicht davon abhängen, wen man kennt. Der Zugang zu guten Restauranttipps – Sie ahnen es – sollte ebenfalls nicht davon abhängen. Und doch scheint sich das Leben hartnäckig zu weigern, diesen Idealzustand umzusetzen.

Die Rede ist dabei von einem sogenannten Graumarkt, der nun mit leicht angewidertem Schauder betrachtet wird. Wohnungen gehen tatsächlich „unter der Hand“ weg, ohne erst Makler und Wohnungsportale daran mitverdienen zu lassen. Ein Unding, wie nun mokant erläutert wird.

Stichwort Transparenz

Natürlich wäre völlige Transparenz über Angebot und Nachfrage in einem Markt wünschenswert. Wer wäre vordergründig schon gegen Transparenz? Und so haben bei einer Umfrage des Immo-Portals auch 69 Prozent der Befragten erklärt, dass sie gern frühzeitig wissen würden, welche Wohnungen bald frei werden. Und 59 Prozent finden Netzwerke attraktiv, die den Wohnungswechsel organisieren. 74 Prozent aber glauben ohnehin, dass persönliche Kontakte entscheidend sind. Man könnte fast meinen, die Realität habe sich bereits entschieden, bevor die Debatte überhaupt begonnen hat.

In diese Gemengelage hinein tritt nun ImmoScout24, das oben mehrfach angeführte riesige Immo-Portal, mit der Forderung nach mehr Transparenz im Markt. Der Zugang zu Wohnraum dürfe nicht davon abhängen, wen man kennt, heißt es in einer Pressemeldung. „Wenn Wohnungen nicht öffentlich sichtbar werden, fehlt vielen Suchenden überhaupt die Chance, sich zu bewerben“, wird Daniel Hendel, Geschäftsführer von ImmoScout24, zitiert.

Reiner Altruismus?

Das klingt vordergründig sehr ehrenwert. Wenn da nicht die ganz leise Vermutung im Raum stünde, dass diese Forderung nicht aus reinem Altruismus geboren ist. Denn solche Transparenz würde in erster Linie das Geschäftsmodell stärken – schließlich lebt eine Plattform davon, dass möglichst viele Wohnungen öffentlich sichtbar werden und möglichst viele Menschen darauf zugreifen.

Wenn Wohnungen nicht mehr über persönliche Kontakte vergeben würden, sondern ausschließlich über Plattformen, wäre das vor allen Dingen ausgesprochen praktisch für jene, die diese Plattformen betreiben und damit möglichst viel Geld verdienen wollen.

Zum Thema

Zur kolumne

In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.

Sie sind bereits registriert?
Hier einloggen