Der Kronleuchter Einst schick und ein Wow-Teil, heute nur noch langweilig

Mehrere Kronleuchter hängen vor farblich illuminierten Bäumen. 
Der Kronleuchter ist ein angesagtes Einrichtungs-Element. Und ist damit banal geworden. © picture alliance/dpa
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Es gab eine Zeit, da war ein Kronleuchter ein Ereignis. Kein Einrichtungsgegenstand, sondern eine Ansage. Wer einen besaß, lebte entweder in einem Schloss, kannte jemanden mit Schloss – oder hatte zumindest das Talent, so zu tun als ob. Der Kronleuchter war der aristokratische Gruß aus einer Welt, in der Staub von livrierten Bediensteten beseitigt wurde.

Historisch betrachtet hatte er ja auch Großes vorzuweisen. Man denke nur an die funkelnden Exemplare in den Sälen von Schloss Versailles, wo Licht nicht bloß Helligkeit, sondern Herrschaft bedeutete. In den letzten 20 Jahren ist der Kronleuchter vermehrt auch außerhalb von Schlössern aufgetaucht. Erst als rares Produkt auf Antiquitäten-Märkten, dann auf besseren Trödelmärkten. Wer einen ergattern konnte, sorgte im Wohnzimmer für einen echten Wow-Moment.

Massenware statt Statussymbol

Doch wie das so ist mit allem, was einmal exklusiv war: Es dauerte nicht lange, bis die Demokratie des Dekors zuschlug. Spätestens als Möbelhäuser begannen, „barocke Eleganz“ im flachen Karton mit Sechskantschlüssel anzubieten, war klar: Der Kronleuchter hatte die Schwelle vom Statussymbol zur Massenware überschritten. Man musste kein Sonnenkönig mehr sein. Es reichte ein Kombi mit umklappbarer Rückbank.

Plötzlich hing er überall. Im Altbau, klar – da hatte er wenigstens noch eine gewisse Raumhöhe, um würdevoll zu schweben. Aber auch in Neubauwohnungen mit 2,40 Meter Deckenhöhe begann er sein Dasein als leicht geduckter Aristokrat. Er schwebte nicht mehr, er lauerte. Man stieß sich an ihm beim Aufstehen vom Sofa. Er war nicht länger Lichtquelle, sondern Hindernisparcours.

Er verlor sein Geheimnis

Und so kam es, wie es kommen musste: Was einst ein Glanzstück war, wurde zur Dekorationsroutine. Der Kronleuchter verlor sein Geheimnis, wo man den denn wohl ergattern konnte. Er ist nicht mehr das Gesprächsthema beim Abendessen, sondern höchstens der Staubfänger darüber. Wer heute einen besitzt, muss nicht mehr erklären, warum – sondern eher, warum eigentlich noch.

Denn was bedeutet er jetzt? Rebellion gegen Minimalismus? Ironische Brechung des eigenen Einrichtungsstils? Der Kronleuchter hängt da und sagt nichts mehr. Früher flüsterte er: „Ich habe Geschmack.“ Heute murmelt er: „Ich war im Angebot.“

Zu alltäglich geworden

Dabei ist er nicht unschön. Im Gegenteil. Er funkelt noch immer, wenn das Licht auf die Glasprismen trifft. Er kann Räume wärmer wirken lassen, Feste feierlicher, selbst Dienstage ein klein wenig mondäner erscheinen lassen. Aber genau darin liegt das Problem: Wenn alles überall mondän wirkt, wird es zu viel, zu austauschbar, zu alltäglich. Und damit eben doch nicht mehr mondän.

Vielleicht ist es das Schicksal aller Trends, dass sie an ihrer eigenen Beliebtheit ersticken. Was einst Avantgarde war, wird irgendwann Baukasten. Wenn jedermann den identischen Sneaker trägt, verliert sich der Charme. Was exklusiv war, wird Seriennummer. Und so hängt der Kronleuchter heute in Wohnzimmern, Küchen, manchmal sogar in Badezimmern, als hätte er sich selbst überredet, bescheidener zu werden – und dabei seine Aura verloren.

Kollektives Abhängen

Man könnte fast Mitleid bekommen. Mit jedem neu montierten Exemplar sinkt sein aristokratischer Puls ein Stück weiter. Er ist nicht mehr rar, nicht mehr gewagt, nicht mehr überraschend. Er ist angekommen. Und nichts ist langweiliger als etwas, das angekommen ist.

Vielleicht braucht es eine Pause. Ein paar Jahre lüsterne Dunkelheit. Ein kollektives Abhängen – im wahrsten Sinne des Wortes. Dann, eines Tages, wenn niemand mehr mit ihm rechnet, könnte er zurückkehren. Nicht als ironischer Gag, nicht als Massenphänomen, sondern als das, was er einmal war: ein leuchtendes Ereignis.

Bis dahin aber bleibt er, was er geworden ist: sicher schick. Aber leider ziemlich gewöhnlich.

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In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.

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