Es gibt Wohn-Trends, die kommen irgendwie schleichend daher. Der aktuelle heißt Small Space und Tiny House. Oder, etwas weniger euphemistisch: sehr wenig Platz für meistens sehr viel Geld. Während früher Wohnträume in Quadratmetern gemessen wurden – Altbau, Stuck, Flügeltüren, ein Flur so lang wie eine Kurzstrecke im Regionalverkehr – genügt heute offenbar ein Raum, der gleichzeitig Schlafzimmer, Wohnzimmer, Homeoffice, Yogastudio und gelegentlich auch Küche ist.
Designerinnen und Designer erklären uns derzeit mit großer Ernsthaftigkeit, warum das alles eigentlich ganz wunderbar ist. Kleine Wohnungen seien Ausdruck eines neuen Lebensgefühls, hören wir. Weniger Besitz, mehr Bewusstsein. Minimalismus statt Materialschlacht. Man müsse sich entscheiden, sagen die Expertinnen und Experten – und Entscheidung sei der Anfang guter Gestaltung. Das klingt fast philosophisch, als wäre die Einzimmerwohnung nicht das Ergebnis eines angespannten Wohnungsmarktes, sondern eine Art existenzialistische Übung.
Ein Raum, der alles kann
Die neue urbane Tugend heißt Effizienz, was ja quasi eine urdeutsche Tugend ist. Der Raum soll funktionieren wie ein Schweizer Taschenmesser: Das Bett verschwindet in der Wand, der Tisch klappt aus dem Regal, und das Sofa verwandelt sich mit zwei Handgriffen in ein Gästebett für Freunde, die man allerdings besser nicht gleichzeitig einlädt – schon aus brandschutztechnischen Gründen.
Früher beeindruckte man Besuch mit Größe. Heute beeindruckt man mit Mechanik und smarter Technik. „Schaut mal“, sagt man stolz, „wenn ich hier drücke, wird aus dem Kleiderschrank mein Arbeitsplatz.“ Es ist ein bisschen wie Zauberei, nur mit Möbeln.
Ziemlich programmatisch
Dabei erzählen viele Fachleute von einem kulturellen Wandel. Große Wohnungen hätten ihren Prestigecharakter verloren, heißt es. Heute zähle Lage statt Fläche. Qualität statt Quantität. Ein schöner Gedanke. Allerdings hat der Trend eine gewisse Ironie: Je kleiner die Wohnung, desto größer muss die Erklärung sein, warum sie eigentlich perfekt ist.
Besonders faszinierend ist die neue Idee vom Wohnen als logistisches System. Räume sollen „klar programmiert“ sein, fast wie Flughäfen, heißt es. Das klingt effizient, aber doch auch ein wenig beunruhigend. Man stellt sich vor, wie man morgens vom Bett zur Kaffeemaschine rollt, vorbei an einem präzise definierten Übergang zwischen halbprivater und halböffentlicher Zone, während irgendwo im Hintergrund eine Durchsage ertönt: Boarding für das Minibad beginnt in fünf Minuten.
Nur klein reicht nicht
Natürlich gibt es gute Gründe für kompakteres Wohnen. Städte wachsen, Wohnraum wird teurer, Lebensstile verändern sich. Viele Menschen leben allein, arbeiten mobil und verbringen ohnehin mehr Zeit außerhalb der Wohnung. Für sie kann ein kleiner, gut gestalteter Raum tatsächlich reichen – vorausgesetzt, er ist wirklich gut gestaltet und nicht einfach nur klein.
Denn darin liegt der entscheidende Unterschied: Ein Small Space ist ein Konzept. Die normale kleine Wohnung ist zunächst einmal nur ein (erzwungener?) Zustand. Frage: Wenn eine 80-Quadratmeter-Wohnung in vier Mikroapartments aufgeteilt wird, ist das dann visionäre Stadtentwicklung oder einfach eine besonders kreative Interpretation des Mietspiegels? Die Grenzen sind fließend.
Neue Ideen müssen her
Trotzdem hat die Bewegung auch etwas Sympathisches. Sie zwingt uns, über eine Frage nachzudenken, die im Zeitalter des Immobilienbooms lange verdrängt wurde: Wie viel Raum braucht ein Mensch eigentlich, um gut zu leben?
Die Antwort darauf ist allerdings kompliziert. Ein Single wird auf 25 Quadratmetern glücklich sein können, eine sechsköpfige Familie eher nicht. Einzelgänger mögen im Small Space gut aufgehoben sein, wer gern sechs Freunde zum Essen einlädt, wird damit seine Probleme haben.
Vielleicht liegt die Wohn-Zukunft nicht im radikalen generellen Wohnraum-Schrumpfen, sondern im geschickten Kombinieren in neuen Wohn-Umgebungen: kleinere private Räume, dafür mehr gemeinschaftliche Flächen. Wohnungen, die nicht alles sein müssen, weil nicht alles in ihnen stattfinden muss.
Zur kolumne
In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.