Urlaub ist die vielleicht ehrlichste Form der Selbstauskunft. Nicht die Frage, wohin jemand fährt, verrät den Charakter eines Menschen – sondern wie er dort wohnen möchte, welche Urlaubs-Wohnträume ihn umtreiben. Der wahre Unterschied zwischen Menschen zeigt sich nicht am Strand, sondern an der Rezeption, am Schlüsselbrett der Ferienhausvermietung oder auf dem Campingplatz zwischen Chemietoilette und Vorzelt.
Da gibt es zunächst die Pauschalurlaubs-All-Inclusive-Fraktion. Das sind Menschen, die Urlaub für eine zivilisatorische Errungenschaft halten, die möglichst wenig Überraschungen enthalten sollte. Sie wollen keine Entscheidungen treffen, schon gar nicht vor dem Frühstück. Das Hotelarmband ist für sie weniger ein Plastikband als vielmehr ein Symbol endgültiger Erlösung. Essen? Gibt es immer. Getränke? Ebenfalls. Handtücher? Werden auf wundersame Weise gefaltet, während man am Pool liegt.
Poolquiz inklusive
Dieser Urlaubs-Wohntyp liebt die beruhigende Gewissheit, dass die größte Herausforderung des Tages darin besteht, rechtzeitig zum Abendbuffet zu erscheinen. Er schätzt Animation mit einer Ernsthaftigkeit, die Außenstehende verstört. Irgendwo zwischen Wassergymnastik und „Mamma Mia“-Abend entsteht jene spezielle Feriengemeinschaft aus Menschen, die sich zu Hause niemals kennenlernen würden, nun aber gemeinsam beim Poolquiz gegen Team „Sangria Sunrise“ antreten.
Am anderen Ende der Urlaubsskala steht der Ferienhausmensch. Sein Traum ist das Haus am Meer, möglichst mit knarrenden Fensterläden, Außendusche und einer Kaffeemaschine, die aussieht, als habe bereits Helmut Schmidt damit Espresso gekocht. Ferienhausurlauber lieben das Gefühl temporären Eigentums. Schon nach zwei Tagen sprechen sie von „unserer Terrasse“, obwohl sie eigentlich nur bis Samstag gebucht haben.
Immer bleiben?
Diese Menschen kaufen morgens Baguette oder Schrippen wie Einheimische und entwickeln innerhalb weniger Tage erstaunlich starke Meinungen über Mülltrennungssysteme fremder Länder. Sie genießen die Illusion eines anderen Lebens: Man sitzt abends mit Wein auf der Terrasse, blickt aufs Wasser und denkt für einen Moment, man könnte eigentlich für immer hierbleiben – bis man feststellt, dass die Waschmaschine einen Bediencode aus dem Kalten Krieg besitzt.
Dann gibt es die Finca-Romantiker. Menschen, die im Urlaub bewusst das suchen, was sie daheim sofort beim Vermieter beanstanden würden. Kein WLAN? Wunderbar. Kein Mobilfunkempfang? Endlich Ruhe. Warmwasser nur gelegentlich? Authentisch! Die Finca liegt bevorzugt irgendwo im Nirgendwo, erreichbar über Straßen, die selbst Ziegen nur mit skeptischem Blick betreten.
Naturdröhnung
Der Finca-Urlauber schwärmt von „Reduktion“ und „Entschleunigung“, bis nachts um halb zwei ein unbekanntes Tier gegen die Fensterläden atmet. Tagsüber sitzt er beseelt unter Olivenbäumen und fotografiert Zitronen. Abends kämpft er mit Mücken, Ameisen und jener romantischen Erkenntnis, dass Natur vor allem bedeutet, dass ständig irgendetwas krabbelt.
Und schließlich ist da die ständig wachsende Wohnmobil-Fraktion. Menschen, die ihre eigene Traum-Wohnung mit in den Urlaub nehmen, weil sie auch 1400 Kilometer entfernt nicht auf die vertraute Salatschüssel verzichten möchten. WoMo-Urlauber sind eine eigene Gesellschaftsform. Sie erkennen einander sofort an Funktionswesten, Kabeladaptern und der Fähigkeit, mit äußerster Ernsthaftigkeit über Frischwassertanks zu diskutieren.
Freiheitsdrang
Der Wohnmobilurlaub vereint Freiheitsdrang und deutsche Ingenieursseele auf bemerkenswerte Weise. Man fährt spontan dorthin, wo es schön ist – vorausgesetzt, der Stellplatz verfügt über Stromanschluss, Sanitärstation, WLAN und maximal drei Prozent Gefälle. Die wahre Kunst besteht darin, ein Fahrzeug von der Größe eines mittelständischen Linienbusses rückwärts auf Parzelle 48b einzuparken, während zwölf Nachbarn mit verschränkten Armen skeptisch zuschauen.
Jede dieser Gruppen hält ihre eigene Urlaubsform für die einzig vernünftige. Der Hotelgast versteht nicht, warum Menschen im Urlaub selbst kochen wollen. Der Ferienhausurlauber hält Hotelbuffets für Massentierhaltung mit Nachtisch. Der Finca-Fan verachtet touristische Infrastruktur grundsätzlich, solange der Strom funktioniert. Und der Wohnmobilfahrer wiederum fragt sich, warum man überhaupt verreist, wenn man seine Zahnbürste nicht immer am selben Platz findet.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Schönheit des Reisens: dass jeder Mensch eine andere Vorstellung davon hat, wie sich Freiheit anfühlen soll. Für die einen ist es der Cocktail am Pool. Für die anderen der Sonnenuntergang auf der eigenen Terrasse. Manche suchen Stille im Hinterland, andere den perfekten Stellplatz mit Meerblick.
Am Ende verbringen ohnehin alle ihren Urlaub mit dem gleichen Vorsatz: sich endlich einmal richtig zu erholen. Und ängstlichen Blicken in die Wetter-App.
Zur kolumne
In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.