Scheitern an der Tür Wenn der Urlaubs-Wohntraum am Schloss zerbricht

Ein Mann drückt den Türgriff an einer Flügeltür herunter.
Griff nach oben? Warum das? Im Urlaub im Ausland scheitert so mancher Gast schon an der Einganstür zum Zimmer oder Ferienhaus © picture alliance / dpa
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Wer einmal geglaubt hat, ein Türschloss sei ein universelles Prinzip wie Schwerkraft oder schlechte Hotelmatratzen, der hat noch nie versucht, nachts um halb elf ein Ferienhaus in Frankreich aufzuschließen. Es regnet, die Kinder frieren, der Kofferraum steht offen, und irgendwo zwischen Bordeaux und Bretagne hält man plötzlich einen Schlüssel in der Hand, der aussieht wie das Werkzeug eines Uhrmachers aus dem 18. Jahrhundert.

Der Deutsche tritt in solchen Momenten mit gesundem Selbstvertrauen an die Tür heran. Schließlich stammt er aus einem Land, in dem Schlösser eine Kulturtechnik sind. Deutsche Türen schließen satt, deutlich und mit moralischer Überzeugung. Einmal herumdrehen: offen. Zweimal herumdrehen: abgeschlossen. Dreimal: wahrscheinlich Bunker. Man versteht das System intuitiv. Es ist die DIN-Norm in Metall gegossen. Und dann kommt Europa.

Schön sinnfrei

In Frankreich beginnt bereits die erste Irritation beim Türgriff, der oft keiner ist. Stattdessen existiert dort eine Art Messingknauf, der keinerlei mechanische Beziehung zur Tür zu besitzen scheint. Man steckt den Schlüssel hinein, dreht ihn zweimal nach links, einmal nach rechts, zieht gleichzeitig gegen den Winddruck und drückt mit der Hüfte leicht nach innen. Irgendwann macht es klack. Warum? Niemand weiß es. Französische Schlösser funktionieren offenbar nach denselben Prinzipien wie französische Bürokratie: Der Vorgang wirkt kompliziert, aber die Bevölkerung hat sich daran gewöhnt.

In den Niederlanden wiederum erlebt der deutsche Urlauber die philosophische Krise des horizontalen Schlüssels. Der Schlüsselbart zeigt plötzlich nach oben oder unten, niemals dahin, wo man ihn erwarten würde. Türen öffnen sich dort gern erst nach energischem Gegenziehen, weil die berühmte holländische Dichtigkeit nicht nur für Deiche gilt. Man steht also vor dem Ferienhaus in Zeeland und zerrt an einer Tür, die gleichzeitig gedrückt werden muss. Hinter der Gardine beobachtet bereits die Nachbarin mit einem Gesichtsausdruck, als prüfe sie, ob hier eingebrochen oder bloß deutsch Urlaub gemacht wird.

Besonders raffiniert

Besonders raffiniert sind die dänischen Ferienhäuser. Dänemark gilt als Land des Designs, und das merkt man auch am Schloss: Es sieht wunderschön aus, funktioniert aber nicht auf Anhieb. Dort erhält man gern elektronische Zahlencodes, kleine schwarze Kästchen oder Schlüssel in Kreditkartenformat. Man fühlt sich beim Betreten eines Holzhauses plötzlich wie ein Geheimagent auf geheimer Mission in Skagen.

Das Problem ist nur: Der durchschnittliche Mitteleuropäer scheitert bereits daran, die richtige Seite der Karte zu identifizieren. Man hält sie falsch herum an den Sensor, zieht sie zu schnell weg oder wartet zu lange, bis ein rotes Licht blinkt, das vermutlich „Willkommen“ bedeutet, praktisch aber „Versuch gescheitert“ heißt.

Stille Wut

Der wahre Kern dieser europäischen Schlossverwirrung liegt jedoch tiefer. Türen sind nationale Charakterstudien. Deutsche Schlösser sagen: „Ordnung muss sein.“ Französische Schlösser sagen: „Ein wenig Eleganz darf den Zugang erschweren.“ Niederländische Türen sagen: „Mit genug Pragmatismus geht es irgendwie.“ Und skandinavische Systeme flüstern freundlich: „Du schaffst das schon“ – während man seit sieben Minuten im Nieselregen steht.

Interessanterweise reagieren Deutsche im Ausland stets gleich. Zunächst wird sachlich analysiert. Dann hektisch probiert. Anschließend folgt jene stille Wut, die nur entsteht, wenn man überzeugt ist, dass nicht man selbst, sondern die gesamte ausländische Zivilisation einen Bedienfehler besitzt. Irgendwann kommt der Moment, in dem man den Schlüssel anstarrt, als habe er einen persönlich beleidigt.

Ohne jede Logik

Und doch geschieht am Ende fast immer das Gleiche: Die Tür geht plötzlich auf. Ohne erkennbaren Grund. Ohne Lernprozess. Ohne Logik. Man blickt irritiert ins Ferienhaus, als hätte die Architektur selbst beschlossen, jetzt genug gescherzt zu haben.

Vielleicht ist genau das Europas eigentliche Integration: nicht gemeinsame Währung oder offene Grenzen, sondern die kollektive Erfahrung, ratlos vor einer fremden Haustür zu stehen und sich für einen kurzen Moment wie der dümmste Mensch des Kontinents zu fühlen.

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In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.

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