Es gibt in Deutschland Debatten, die mit einer erstaunlichen Endgültigkeit entschieden scheinen. Die Heizungsfrage gehört neuerdings dazu. Nach Jahren des politischen Ringens, des Förder-Dschungels und der Stammtisch-Schlachten hat sich eine scheinbar klare Richtung herauskristallisiert: Die Zukunft heizt elektrisch. Die Wärmepumpe ist nicht mehr nur ein technisches Gerät, sondern ein Symbol – für Fortschritt, für Klimabewusstsein, für den Abschied von Gas und Kohle. Selbst wer noch skeptisch ist, ahnt: Der Trend ist kaum aufzuhalten.
Und dann ist da der Grill. Kaum steigen die Temperaturen über 16 Grad, entfaltet sich in deutschen Gärten, auf Balkonen und an Seeufern ein ganz anderes energiepolitisches Paralleluniversum. Hier regiert nicht die Effizienzklasse A+++, sondern das Knistern. Hier zählt nicht der COP-Wert, sondern die Glut. Denn hier hat die gute alte Holzkohle nichts von ihrer Dominanz eingebüßt.
Ein Grill muss qualmen
Während also im Heizungskeller die fossilen Energieträger leise verabschiedet werden, feiern sie im Kugelgrill fröhliche Urstände. Sackweise wird Kohle durch die Republik geschleppt, angezündet und mit Inbrunst verfeuert. Der Rauch zieht in dichten Schwaden über Hecken und Terrassen – und mit ihm die Gewissheit: Beim Grillen gelten andere Gesetze.
Der deutsche Griller ist in dieser Frage erstaunlich resistent gegenüber dem Zeitgeist. Klimawandel? Ja, schon schlimm. Aber bitte erst nach dem Würstchen. Es ist, als hätte man eine mentale Trennwand eingezogen: Hier die große Welt der Verantwortung, dort das kleine, heilige Reich der Freizeit. Und in letzterem darf die Holzkohle weiterhin tun, was sie seit Jahrzehnten tut – glühen, qualmen, dazugehören.
Mischung aus Nostalgie und Ritual
Dabei gäbe es Alternativen. Gasgrills, sauber, schnell, regelbar. Elektrogrills, emissionsarm, balkonfreundlich. Technisch spricht vieles für sie, ähnlich wie bei der Wärmepumpe. Doch im Gegensatz zur Heizung entscheidet beim Grill nicht die Verordnung, sondern das Gefühl. Und das Gefühl sagt: Ein Grill ohne Kohle ist kein richtiger Grill.
Es ist diese eigentümliche Mischung aus Nostalgie und Ritual, die jede Rationalität überlagert. Der Moment, wenn die ersten Flammen auflodern, wenn das Fett zischend in die Glut tropft, wenn der Rauch in die Kleidung zieht – all das gehört dazu. Es ist weniger Kochen als Inszenierung, weniger Nahrungszubereitung als kulturelle Praxis.
Glaubenskrieg lauert
Und so wird aus einer simplen Frage der Energiequelle schnell ein Glaubenskrieg. Die Holzkohle-Fraktion verteidigt das „echte Grillen“ mit einer Vehemenz, die an religiöse Überzeugungen erinnert. Gasgriller kontern mit Pragmatismus und Komfort. Elektrogriller schließlich stehen irgendwo dazwischen – technisch überlegen, emotional aber oft im Abseits.
Man könnte darüber lächeln, wäre da nicht die leise Ironie der Situation. Während die Gesellschaft an anderer Stelle enorme Anstrengungen unternimmt, um Emissionen zu reduzieren, wird beim Grillen mit einer Selbstverständlichkeit CO₂ produziert, die fast schon trotzig wirkt. Als wolle man sagen: Wenigstens hier lassen wir uns nichts vorschreiben.
Gegenstand der Selbstbehauptung
Vielleicht ist genau das der Kern des Ganzen. Der Grill ist nicht nur ein Gerät, sondern ein Gegenstand der Selbstbehauptung. Hier entscheidet nicht die Politik, sondern der persönliche Geschmack. Hier darf man sich gegen den Strom stellen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Und so wird die Wärmepumpe im Keller installiert, während draußen die Holzkohle glüht. Fortschritt innen, Tradition außen. Zwei Welten, getrennt durch eine Terrassentür. Ob das widersprüchlich ist? Sicher. Aber vielleicht auch einfach sehr deutsch.
Zur kolumne
In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.