Der Wohntraum ist ein erstaunlich flexibles Gebilde. Er passt sich an, wächst mit, schrumpft, mutiert – und ist dabei erstaunlich resistent gegen die Realität. Kaum ein Begriff wird so inflationär benutzt und gleichzeitig so selten hinterfragt wie die „Traumwohnung“. Immobilienanzeigen sind voll davon: Jede zweite Zwei-Zimmer-Wohnung wird zum Sehnsuchtsort erklärt, jede dritte Küche zur „Oase“, und selbst der Balkon mit Blick auf die viel befahrene Straße wird plötzlich zur „urbanen Ruhezone“.
Doch was genau ist er eigentlich, dieser Wohntraum? Für die einen beginnt er beim Altbau. Hohe Decken, knarzende Dielen, Stuck, der mehr erlebt hat als man selbst. Es ist die romantische Vorstellung, dass Geschichte automatisch Gemütlichkeit bedeutet. Dass man sich nur einen schweren Vorhang anschaffen muss und schon lebt man ein bisschen wie in einem europäischen Roman des 19. Jahrhunderts – zumindest bis die Heizkostenabrechnung eintrifft.
Es gibt viele Träume
Für andere ist der Wohntraum das glatte Gegenteil: Neubau, klare Linien, bodentiefe Fenster, Fußbodenheizung. Alles ist perfekt, nichts stört, nichts überrascht. Die Wände sind so gerade, dass man fast Ehrfurcht bekommt, ein Bild schief aufzuhängen. Hier ist der Traum weniger Nostalgie als Kontrolle – die Hoffnung, dass ein durchgeplantes Zuhause auch ein durchgeplantes Leben nach sich zieht.
Und dann gibt es noch die dritte Kategorie: den sozialen Wohntraum. Nicht im Sinne von Gemeinschaft, sondern im Sinne von Vergleich. Der Wohntraum ist das, was andere beeindruckt. Die offene Küche für Gäste, die eigentlich nie kommen. Das Sofa, das mehr kostet als der letzte Urlaub. Der Esstisch, an dem man selten sitzt, der aber auf Fotos eine ausgezeichnete Figur macht. Wohnen wird hier zur Inszenierung, zur leisen Botschaft: Seht her, ich habe es geschafft – zumindest bis zur Sofalandschaft.
Wohnung als Projektionsfläche
Das Problem, egal wie der Traum auch aussehen mag: Dieser Wohntraum hat eine unangenehme Eigenschaft. Er verschiebt sich nämlich. Kaum hat man ihn erreicht – die perfekte Wohnung, die ideale Lage, den Balkon in Südausrichtung – beginnt er sich neu zu definieren. Plötzlich fehlt ein Arbeitszimmer. Oder ein zweites Bad. Oder einfach nur mehr Ruhe. Der Traum wird zum beweglichen Ziel, das man immer genau dann verpasst, wenn man glaubt, angekommen zu sein.
Vielleicht liegt das daran, dass Wohnungen nie nur Wohnungen sind. Sie sind Projektionsflächen. Für Wünsche, für Ängste, für das Leben, das man führen möchte oder glaubt führen zu müssen. Der Wohntraum ist selten eine konkrete Quadratmeterzahl – er ist ein Gefühl. Sicherheit, Freiheit, Status, Rückzug. Und manchmal alles gleichzeitig.
Nüchterne Wahrheit
Dabei wäre die nüchterne Wahrheit fast enttäuschend einfach: Eine Traumwohnung ist wahrscheinlich weniger spektakulär, als wir denken. Sie ist die, in der man sich nicht ständig fragt, ob man lieber woanders wäre. Die, in der der Sonntagmorgen so gut funktioniert wie der Donnerstagabend. In der das Licht zur richtigen Zeit durch das Fenster fällt und man kurz vergisst, dass es überhaupt Alternativen gibt.
Das klingt unspektakulär – und genau darin liegt vielleicht die größte Provokation. Denn der Wohntraum ist nicht unbedingt die Wohnung, die man zeigt, sondern die, in der man bleibt, ohne ständig vom nächsten Inserat zu träumen.
Frage der Zufriedenheit
Und so bleibt am Ende eine leise, beinahe unjournalistische Erkenntnis: Der Wohntraum ist weniger eine Frage von Ausstattung als eine der Zufriedenheit. Oder, etwas weniger pathetisch formuliert: Vielleicht ist die beste Wohnung die, in der man einfach aufhört, weiterzusuchen.
Zur kolumne
In den „Wohn(t)räumen“ befasst sich Thomas Schroeter regelmäßig auf sehr persönliche Art mit dem Wohnen. Da kann es um neue Trends gehen, um Wohnphilosophien, um Bauärger oder Küchendeko. Einfach um alles, was das Wohnen im Alltag ausmacht.