Fahrer fuhr nach dem Crash weiter Fotograf überlebt Horror-Unfall in der Westfalenhalle

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Darum geht‘s:

  • Der Fotograf Christian Schulze überlebte im Januar einen schweren Unfall beim ADAC Supercross 2026.
  • Ihn traf ein Motorrad, nachdem der Fahrer die Kontrolle verloren hatte.
  • Schulze erholt sich nach Wirbelbrüchen und täglichen Physiotherapien.
  • Der ADAC sieht in dem Unfall ein „unglückliches Einzelereignis“.

Den Moment, der sein Leben für immer verändert hat, kennt Christian Schulze (35) nur aus einem Videoclip. Mitte Februar hat er ihn selbst auf seinem Instagram-Profil hochgeladen.

„Es gab so viele Nachfragen. Jetzt wissen alle Bescheid, dass ich überlebt habe“, sagt er. Er sagt das mit ruhiger Stimme, beinahe so, als wäre das nur logisch, einen Moment zu teilen, in dem er hätte sterben können.

Das Video

Das Video, gefilmt von der Tribüne aus Zuschauerperspektive, zeigt seinen Unfall beim „ADAC Supercross“ am 9. Januar. Es ist zehn Sekunden lang. Das ist lang genug, damit sie ein Dokument dafür sind, dass ein kurzer Augenblick ausreicht, um das Leben in ein „davor“ und in ein „danach“ aufzuteilen.

Christian Schulze sagt: „Ich hatte Glück, nicht tot zu sein oder im Rollstuhl zu sitzen. Wenn dir so etwas passiert, dann siehst du das Leben mit anderen Augen.“ Kleine Momente mit Partnerin, Tochter und Hündin würden bedeutsamer. Alles, was „davor“ war, relativiere sich.

„davor“ – Christian Schulze, der Fotograf

Fotografie ist das, was ihn in Bewegung bringt. Er ist mit der Kamera dort, wo die Action ist. „Dynamik, Emotionen und die unvergesslichen Momente des Spiels“, beschreibt er als die Dinge, die ihn antreiben, diesen Beruf ergriffen zu haben. Der Dortmunder fotografiert bei Sport-Events wie BVB-Spielen, der EURO 24, Biathlon auf Schalke oder Darts-EM. Auch diese Redaktion hat in unterschiedlichen Zusammenhängen schon Fotos von Christian Schulze veröffentlicht.

Adeyemi, FC Bayern, Darts-EM

Karim Adeyemi, Nico Schlotterbeck, Bayern-Star Michael Olise oder Peter Wright, der Dart-Spieler mit „Iro“: Er ernährt seine Familie durch starke Bilder von Stars in Bewegung. Das teilt er mit mehreren Tausend Followern auf seinen Social-Media-Kanälen. „Ich bin stolz darauf, meine Leidenschaft leben zu dürfen“, sagt er selbst über sich.

Am 9. Januar 2026, einem Freitag, verabschiedet er sich zuhause, macht sich auf den Weg in die Westfalenhalle zum „ADAC Supercross“. Er freut sich auf den Termin, weil er starke Motive verspricht.

Was kurz darauf passiert, zeigt das Video.

„davor“, 9. Januar 2026, Westfalenhalle Dortmund, Sekunde 0

Motoren heulen auf. Das Geräusch geht in das charakteristische Knattern über, das die Ohren reizt, aber das Tausende auf den Rängen so lieben. Der erste Tag beim „ADAC Supercross“ läuft seit einigen Stunden, gerade hat ein sogenannter Hoffnungslauf in der Klasse „SX1“ begonnen.

Die grellen Scheinwerfer an der Hallendecke schneiden Kegel durch die von Abgasen vernebelte Luft. Wer diese Bilder sieht, muss nicht in der Halle gewesen sein, um den Geruch von Benzin und Erde in der Nase zu haben.

Zehn Fahrer rasen mit Geschwindigkeiten von knapp 100 km/h über Buckel und um enge Kurven. Auf einer Rampe springen sie mehrere Meter in die Höhe. Das Publikum feiert die waghalsigen Aktionen. Hallensprecher Tommi Deitenbach kommentiert live.

Christian Schulze sitzt auf der Couch und sieht sich das Video seines Unfalls an.
Christian Schulze schaut sich das Video an, das den Moment zeigt, in dem ihn das Motorrad traf.© Stephan Schütze

Alltag mit Kleinkind

„danach“, Februar 2026, in Christian Schulzes Wohnung in Neuasseln

Christian Schulze sitzt auf der Couch. Sein Kopf ist durch eine spezielle Halskrause gestützt. Er bewegt sich vorsichtig und muss sehr behutsam sein. Sein rechter Arm ist noch nicht voll funktionsfähig.

„Ich muss mich häufig hinlegen, darf nichts heben“, sagt Christian Schulze. Seiner einjährigen Tochter muss er immer noch häufig erklären, warum Papa gerade nicht so kann, wie sie es braucht. Er versucht für sie da zu sein, wo er kann.

„davor“, 9. Januar 2026, Westfalenhalle, Sekunde 1

Auf einer kurzen Geraden geben die Fahrer Gas. Es geht eng zu im Kampf um die besten Zeiten. Die Veranstaltung in Dortmund ist ein Top-Event in der Szene, in einem Sport, der auch vom immanenten Risiko lebt. 2014 starb in Dortmund der dänische Fahrer Kasper Lyngaard bei einem Unfall im Training. Die Show ging danach weiter. Stürze gehören zum Spiel, werden von den Fans im Internet als „Fails“ zum Teil gefeiert und in Dauerschleife geteilt.

„Ja, natürlich“ bleibe ein Restrisiko bei solchen Events, sagt Christian Schulze. Till Westermann, Sprecher des ADAC Westfalen, erklärt: „Der Zugang zum Innenraum war nur für akkreditierte Medienvertreter möglich, die sich der potenziellen Gefahr bewusst waren und schon Erfahrungen im Motorsport gesammelt haben.“ Schulze kennt die Regeln und nimmt sie ernst.

Für ihn läuft an diesem Freitagabend zunächst alles wie erhofft. „Ich hatte schon ein paar Fotos gemacht.“ Eins zeigt einen Fahrer, der mit seinem Leichtmotorrad gerade zu einem Sprung abhebt.

„Ich habe alles richtig gemacht“

Sekunde 2

Lucas Imbert, Supercross-Profi aus Frankreich, biegt auf die Gerade ein und gibt Gas.

Christian Schulze steht zu diesem Zeitpunkt gut fünf Meter neben der Strecke in einem Bereich, der für Fotografen freigegeben ist. Er trägt eine gelbe Weste, die Kamera hat er um den Hals gehängt. „Ich habe in dem Moment alles richtig gemacht“, sagt er im Rückblick.

Plötzlich geht die Stimme des Hallensprechers aufgeregt in die Höhe. Hinter der Kamera schreien mehrere Menschen erschrocken auf.

Wird er je wieder fotografieren?

„danach“, Februar 2026, in Christian Schulzes Wohnung

Hündin Nala trippelt über den Wohnzimmerboden von Familie Schulze, vorbei an einer Kleinkind-Spielzeugkulisse. Auf einem Tisch liegen die Fotokamera und das Equipment. Er nimmt die Kamera in die Hand, klickt sich durch die Bilder vom 9. Januar.

Ein Foto von einem Renn-Motorradfahrer wird auf einer Kamera angezeigt.
Ein Foto, das der Dortmunder Fotograf am Tag des Unfalls vom Motocross-Rennen in der Westfalenhalle gemacht hat.© Stephan Schütze

Ob er je wieder so fotografieren wird wie im „davor“? Der Dortmunder zögert kurz. Er weiß nur, dass er sich das wünscht und darauf hinarbeiten möchte. „Aber erst einmal muss die Beweglichkeit zurückkommen und ich muss die Muskulatur wieder aufbauen.“ Schulze sagt: „Ich habe noch einen langen Weg vor mir.“

Fahrer verliert die Kontrolle

„davor“, 9. Januar 2026, Westfalenhalle Sekunde 3

Imbert, 2023 Gewinner in seiner Starter-Klasse in Dortmund, verliert die Kontrolle über sein Motorrad. Es gibt keinen ersichtlichen Kontakt mit einem anderen Fahrer. Seine „Yamaha“ bricht nach links aus. Imbert – mit Rennanzug und Helm geschützt – fällt aus dem Sattel, macht eine halbe Schraube in der Luft, landet in grünen Polstern, die als Puffer die Strecke begrenzen.

Das Motorrad fliegt weiter. Der junge Franzose stößt es im Fallen unbewusst noch mit den Füßen ab.

Sekunde 4

Das Gefährt saust wie ein 150 Kilogramm schwerer Pfeil durch die Luft. Aus zehn Metern Höhe fällt es genau an die Stelle, wo Christian Schulze in diesem Moment steht. „Es war für mich nicht zu sehen. Von dem Moment, als es mich getroffen hat, weiß ich gar nichts mehr“, sagt er. Er weiß nur, was er später auf dem Video sehen wird: Das Motorrad fällt ihm mit voller Wucht auf den Hinterkopf und in den Rücken.

„Ich habe einfach Pech gehabt“

„danach“, Februar 2026, im Telefonat mit Christian Schulze

Natürlich kommen diese Fragen in ihm auf: Warum stand ich nicht ein paar Zentimeter weiter links oder rechts? Was wäre passiert, wenn da noch mehr Menschen gestanden hätten? Er versuche, diese Fragen nicht zu sehr an sich heranzulassen und nach vorne zu blicken, sagt er.

Es wirkt, als wollte er das Erlebte nicht künstlich mit Bedeutung aufladen. „Ich habe einfach Pech gehabt.“ An keiner Stelle sind in den Gesprächen mit ihm Worte des Vorwurfs zu hören.

„davor“, 9. Januar 2026, Westfalenhalle, Sekunde 5

Christian Schulze liegt am Boden. Alle Umstehenden benötigen offensichtlich einen Augenblick, um zu realisieren, was passiert ist. Auf dem Video fühlt sich diese Sekunde quälend lang an.

Die ersten Helfer eilen zum Getroffenen. „Ich war bewusstlos, habe gekrampft und mir fast die Zunge abgebissen“, sagt er. Er erwacht später im Krankenwagen in der Halle. „Du wurdest von einem Motorrad getroffen“, sagt ein Rettungssanitäter zu ihm. Kurz Unglauben, dann wieder Dunkelheit. Ab jetzt geht es um sein Überleben.

Fotograf Christian Schulze kurz nach dem Unfall im Krankenhaus.
Fotograf Christian Schulze kurz nach dem Unfall im Krankenhaus.© Repro Stephan Schütze

Die Diagnose

„danach“, Januar 2026, im Krankenhaus

Die Diagnose lautet: Zwei Halswirbel sind gebrochen, dazu zwei Brustwirbel, seine Bandscheibe ist gerissen. „Durch den Aufprall war mein Hals so extrem angeschwollen, dass ich kaum beatmet werden konnte“, sagt er.

Er zeigt Fotos aus dem Krankenhaus. Auf dem ersten liegt er schlafend im Bett, in ein künstliches Koma versetzt, einen Beatmungsschlauch im Mund, um ihn herum Schläuche, Monitore und Kabel. Zweimal wird er operiert. Ärzte versteifen seine Wirbelsäule künstlich, damit er überhaupt wieder die Chance hat, beweglich zu werden.

Ein zweites Bild zeigt ihn einige Wochen später im Krankenbett. Er hebt den Daumen, für ein Lächeln reicht es noch nicht ganz. Noch 14 Wochen, so die Prognose, darf er seinen Kopf nicht vollständig bewegen. Aber er lebt.

Fahrer setzt das Rennen fort

„davor“, 9. Januar 2026, Westfalenhalle, Sekunde 6

„Schwerer Absturz von Imbert“, ruft der Hallensprecher ins Mikrofon. Der Fahrer rappelt sich auf, läuft in Richtung von Christian Schulze, wo auch sein Motorrad liegt.

Sekunde 7 bis 10

Der Rennfahrer hebt das Motorrad auf und steigt wieder auf. Er wirkt auf Schulze rückblickend wie „im Tunnel“, als habe er gar nicht realisiert, dass da gerade ein Mensch getroffen wurde. „Kurz darauf rollt er zurück auf die Strecke. Er wird am Ende Vierter in diesem Hoffnungslauf.

Jeden Tag Physiotherapie

„danach“, Februar 2026

„Ich durfte meinen zweiten Geburtstag feiern“, sagt Christian Schulze. Er weiß zugleich, dass er noch lange nicht am Ziel ist. Jeden Tag fährt ihn sein Vater zur Physiotherapie, noch viele Wochen lang wird das so gehen. „Meine Familie unterstützt mich bei allem. Das zu wissen, ist ein sehr gutes Gefühl.“

Ein selbstgemaltes Bild mit der Aufschrift "WIllkommen zuhause" hängt an einer Tür.
Ein Bild von seiner Familie, nachdem Christian Schulze aus dem Krankenhaus entlassen wurde.© Stephan Schütze

Mit einer anderen Empfindung kommt nach eigener Aussage weniger gut zurecht. „Es hat sich bisher niemand von der Veranstaltung bei mir erkundigt, wie es mir geht“, sagt der Fotograf. Weder der ADAC als Veranstalter noch der Fahrer selbst hätten nachgefragt. Wieder: Darin steckt kein Vorwurf. Aber er sagt: „Ich finde es traurig, dass das nicht passiert ist.“

ADAC-Sprecher Till Westermann sagt auf Anfrage dieser Redaktion: „Der ADAC Westfalen war noch während der Veranstaltung im direkten Austausch mit den Angehörigen des verunfallten Fotografen. Der Gesundheitszustand ließ einen direkten Kontakt nicht zu.“ Man stehe „selbstverständlich“ für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.

ADAC hat Vorfall aufgearbeitet

Der Vorfall sei unmittelbar nach der Veranstaltung intern umfassend aufgearbeitet worden, unter anderem mit der Rennleitung und den Verantwortlichen für die Strecke.

„Nach Auswertung der Gespräche und Aufzeichnungen kommen wir zu der Einschätzung, dass es sich um ein unglückliches Einzelereignis handelt“, sagt Westermann. Trotz umfassender präventiver Maßnahmen ließen sich Restrisiken im Motorsport nicht vollständig ausschließen.

„Mit Motorsport bin ich fertig“

Christian Schulze kann knapp sieben Wochen nach dem Tag, der sein Leben verändert hat, schon wieder über die Zukunft reden. Allein das ist für ihn viel wert.

Darüber, wie er seine Tochter wieder hochheben darf. Über Reisen mit dem Campingmobil. Über den Moment, in dem er wieder Fotos machen kann. „Mit Motorsport bin ich fertig“, sagt er. „Aber die BVB-Spiele und andere Dinge möchte ich weitermachen.“ Um trotz des schweren Unfalls irgendwann wieder dort zu sein, wo die Bewegung ist.

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel erschien ursprünglich am 28. Februar 2026.

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