Darum geht‘s:
- Hamudi trauert um seinen Bruder Abdo, der bei einem Unfall tödlich verunglückte.
- Er träumte von einer eigenen Tankstelle.
- Sein Bruder Hamudi mahnt zu Helmen, um Leben zu schützen.
An einem warmen Frühlingstag hält am Rande des Emscherparks in Holzwickede ein kleines rotes Auto. Die Emscher ist hier kein großer Fluss, eher ein schmaler Lauf durchs Grün. Die Sonne fällt durch junge Blätter, die Bänke sind warm.
Claudia Daun steigt aus und öffnet ihrem Neffen die Beifahrertür. Mohammed Hej Younis, 26 Jahre alt, genannt Hamudi, kann sie selbst nicht öffnen. Er hat zwei große Bilderrahmen auf dem Schoß, die er fest an sich drückt. Auf den Bildern ist sein Bruder Abdo zu sehen.
Abdos letzter Weg
Hamudi geht zu einer Bank direkt an der Emscher. Dort setzt er sich in die Sonne, sein Blick ist in die Ferne gerichtet. Seit zwei Monaten schläft er kaum. Seit zwei Monaten ist sein Bruder Abdo tot. An einem späten Sonntagabend im März stieß Abdo mit seinem E-Scooter mit einem Auto zusammen. Das Gefährt verkeilte sich unter dem Wagen und wurde mit Abdo rund 80 Meter mitgeschleift. Er starb in der Nacht im Krankenhaus.
In Holzwickede machte der Tod des „E-Scooter-Fahrers“ viele betroffen. Schüler und Anwohner trauerten um den jungen Mann und besuchten den Unfallort an der Opherdicker Straße. Doch sein Bruder war kein anonymer Unfallfahrer, sagt Hamudi. Sein Name war Abdo Hej Younis. Er lebte seit zehn Jahren in Holzwickede, arbeitete und hatte einen konkreten Traum: Eines Tages wollte er eine eigene Tankstelle haben.

Der Traum von der Tankstelle
Abdos Traum kam aus Syrien. Dort hatte sein Großvater eine Tankstelle mit einer Waschanlage. Ein Familienbetrieb. Genau so malte Abdo sich seine Zukunft aus, während er in einem Fleischverarbeitungsbetrieb arbeitete: Geld sparen, selbstständig werden, eine Firma aufbauen, die seinen Namen trägt. Drei oder vier Jahre noch, sagte Abdo seinem Bruder, dann hätten sie es geschafft. Er, Hamudi und der Vater. Eine Tankstelle, eine Autowaschanlage, ein Familienbetrieb.
Hamudi hatte seinem Bruder gesagt, dass so etwas nicht einfach gehe. Dass man Papiere brauche, Steuern, Genehmigungen. Da habe Abdo gelacht. „Wir haben doch Claudia“, habe er gesagt. „Sie kriegt das hin.“ Claudia Daun, seine Tante, sitzt daneben. Sie ist die, die in der Familie Termine macht, mit Behörden spricht, sich kümmert, wenn Papiere gebraucht werden. Als sie diesen Satz hört, lächelt sie kurz und kämpft mit den Tränen.
Abdo war elf, als er nach Deutschland kam. Zwischen Syrien und Holzwickede lag ein Jahr Flucht: die Türkei, ein kleines Boot, die Überfahrt nach Griechenland. „Ein Kind, was so eine Flucht erlebt hat, wird automatisch erwachsen“, sagt Claudia leise. Deshalb sei Abdo kein Schultyp gewesen. Er habe lieber gearbeitet.
Hamudi sagt: Er war ein Macher. Einer, der morgens aufstand, zur Schicht ging, half, wenn Hilfe gebraucht wurde. Vielleicht passte deshalb dieser Tankstellen-Traum so gut zu ihm.

Abdo, der Macher
Er hatte gerade angefangen, sich dieses Leben selbst aufzubauen. Morgens stand Abdo um halb fünf auf, ohne dass ihn jemand wecken musste. Im Betrieb ging es ihm gut, sein Chef behandelte ihn anständig. Einer, der auf der Arbeit half, auch wenn seine Schicht vorbei war. Sein Chef erzählt bei der Beerdigung: Abdo habe geholfen, ohne dass jemand fragen musste. Nach der Arbeit ging Abdo trainieren, fast jeden Tag. Nach dem Training lag er oft eine Stunde in der Badewanne, Wasser bis oben, danach ging er schlafen.
Vor allem aber kümmerte er sich um seine Familie. Von seinem Geld kaufte er seiner Mutter eine neue Couch, eine neue Küche. Er habe das selbst bezahlt, sagt Hamudi, weil es ihm wichtig war. Als die Mutter in Dortmund im Krankenhaus war, kam Abdo jeden Tag mit Essen vorbei. Jeden Tag. Eine Frau, die der Mutter dort mit den Medikamenten half, sagte später: Abdo ist ein guter Junge. Im Dezember wäre er 21 geworden. „Bei seinem Unfall ist nicht nur Abdo gestorben“, sagt Hamudi leise. „Die ganze Familie ist gestorben.“

Ein schwarzer Fleck
Holzwickede ist seit Abdos Tod kleiner geworden für Hamudi. Die Familie wohnt in der Nähe der Massener Straße, der direkte Weg in den Ort führt über die Opherdicker Straße, vorbei an der Kreuzung, an der Abdo starb. Hamudi nimmt diesen Weg nicht mehr. Er macht Umwege, jeden Tag. Lieber länger laufen, lieber außen herum fahren, als diese Stelle sehen zu müssen.
Zu Hause ist es nicht leichter. Die Mutter weint morgens, sobald sie aufsteht, und fragt nach Abdo. Ohne Tabletten kann sie nicht schlafen. Der Vater zieht sich zurück, kommt kaum noch aus dem Haus. Hamudi selbst schläft nur wenige Stunden.
Ein Abend wie viele
Dass sie an diesem Nachmittag im Emscherpark sitzen, ist kein Zufall. Nur wenige Meter weiter hat Hamudi seinen Bruder zum letzten Mal lebend gesehen. Es war an jenem Sonntagabend im März, kurz vor dem Unfall. Abdo kam auf seinem E-Scooter durch den Park, auf dem Heimweg, nach einem Besuch bei einem Kollegen. Hamudi hielt ihn an. „Gib mal E-Scooter“, habe er gesagt. Aber Abdo habe abgelehnt, er brauchte ihn selbst noch. Dann fuhr er weiter. Hamudi hielt ihn nicht auf. Warum auch? Es war ein Abend wie viele andere. Erst später wurde aus diesem Moment der letzte.
Jetzt sitzt Hamudi wieder hier, an der Emscher. Neben ihm liegt Abdo in der Sonne. Auf den Bildern ist er noch da: breiter Körper, gepflegter Bart, kleines Lächeln. Bevor Hamudi geht, sagt er noch etwas, das ihm wichtig ist. Nicht über Schuld, nicht über Ermittlungen, nicht über all das, was offen ist. Über junge Menschen auf E-Scootern, über Eltern, über Brüder. „Zieht beim Scooterfahren Helme an“, sagt er. „Mit Helm würde mein Bruder noch leben.“
Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien zuerst am 17. Mai 2026