Darum geht‘s:
- Hape Kerkeling hat bei einer Rede in Weimar an seinen Großvater erinnert.
- Hermann Kerkeling aus Recklinghausen verteilte 1933 Flugblätter und wurde verhaftet.
- 1942 wurde er nach Buchenwald deportiert. Er überlebte, blieb jedoch gezeichnet.
Wenn Hape Kerkeling heute durch das Tor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald geht, dann nicht als prominenter Entertainer. „Ich gehe den Weg, den mein Großvater Hermann Kerkeling ab dem 2. Juli 1942 gehen musste“, sagt er. Es ist der Weg eines Mannes aus Recklinghausen und Teil einer Familiengeschichte, die im Ruhrgebiet beginnt.
Anlässlich des 81. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald hat Hape Kerkeling in einer Rede am 12. April in Weimar Einblicke in die wohl dunkelsten Stunden im Leben seines Großvaters gewährt.
Hermann Kerkeling, geboren 1901, war Zimmermann, ein Mann der zupacken und mit seinen Händen schaffen konnte, erklärt sein Enkel.
Und einer, der nicht wegsehen wollte, als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen. Bereits wenige Wochen nach 1933 verteilte Hermann Kerkeling gemeinsam mit einem Genossen in Herten Flugblätter gegen das Regime. „Er hat nicht geschossen, er hat nicht sabotiert – er hat lediglich die Wahrheit geschrieben. Gedruckt. Und verteilt“, erinnert Hape Kerkeling.
Zwei Tage später, so steht es in den „Arolsen Archives“, wurde er verhaftet. Die Gestapo brachte ihn ins Polizeipräsidium Recklinghausen, einen Ort, der unter politischen Häftlingen als „die Hölle von Recklinghausen“ bekannt war. Heute weiß man: Der Name steht für systematische Misshandlungen, Folter und menschenunwürdige Verhöre durch die Gestapo.

Auch Hermann Kerkeling wurde dort mehrere Monate festgehalten und nach eigenen Angaben schlecht behandelt.
Ein Gericht verurteilte ihn zu neun Jahren Zuchthaus. Doch selbst danach kam er nicht frei. Die Gestapo nahm ihn in sogenannte „Schutzhaft“ – eine Haft ohne Anklage, die unbegrenzt verlängert werden konnte.
Am 2. Juli 1942 wurde er schließlich ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert, als politischer Häftling mit der Nummer 6117.
Dort musste er Zwangsarbeit in der Effektenkammer leisten. Dem Ort, wo die persönlichen Gegenstände der Gefangenen verwaltet wurden.
„Den Maschinenraum der Entmenschlichung“, nennt Hape Kerkeling diesen Ort. Sein Großvater musste Uhren, Eheringe, Brillen oder gar Gebisse von seinen Mitmenschen erfassen, als wären sie bloße Lagerware. Für Hape Kerkeling sei das eine der bittersten Lehren dieser Zeit: „Die Barbarei beginnt nicht mit dem ersten Schuss, sie beginnt dort, wo Menschen nur noch Nummern in einer Statistik sind, wo das Mitgefühl der Buchhaltung weicht.“

Zwölf Jahre seines Lebens verbrachte Hermann Kerkeling in Haft. Er überlebte Buchenwald als einer von Tausenden. Am 11. April 1945 wurde das Lager befreit, da war er 44 Jahre alt.
Zurück blieb nach Angaben seines Enkels ein gezeichneter Mann. Krankheiten begleiteten und eine tiefe Müdigkeit zeichnete seinen Großvater, so Hape Kerkeling. Eine, die mit keiner Nachtruhe der Welt zu heilen gewesen wäre. Eine wirkliche Entschädigung erhielt er kaum. Und auch die „Aufhebung seines Unrechturteils“ habe es Zeit seines Lebens nicht gegeben, Hermann Kerkeling starb als vorbestrafter Mann.
81 Jahre nach der Befreiung seines Großvaters betont Hape Kerkeling in seiner Rede in Weimar: „Für mich steht sein Hochverrat heute als das höchste Zeugnis von Treue zur Menschlichkeit.“ Und deshalb möchte Kerkeling die Geschichte seines Großvaters bewahren. Eines Mannes aus Recklinghausen, der früh widersprach und dafür fast sein Leben verlor.
